Jonathan Darlington, Conductor
30.
September 2011
Dirigenten-Kuriosa #2 – Der Frack
Photo: Christoph Müller-Girod

Photo: Christoph Müller-Girod

Im zweiten Teil der Reihe “Dirigentenkuriosa” geht es um ein weiteres mythenumwobenes Detail aus dem Kuriositätenkabinett des Dirigentendaseins: den Frack.

Dass Jonathan Darlington diesen schon vor einigen Spielzeiten an den Nagel gehängt hat, ist dem Publikum nicht entgangen. Lesen Sie seine Gedanken zur Absage an den „Pinguin“, und warum das Outfit auf dem Podium nicht egal ist …

‘Götter im Frack’ oder ‘Pinguine’?

Einst ein gängiger, feierlicher Abendanzug, ist die frühere soziale Funktion des Fracks heute in Vergessenheit geraten. Nur gelegentlich weist noch eine Notiz auf der einen oder anderen Hochzeitseinladung darauf hin, wenn um „white tie“ gebeten wird. Doch will man dem aktuellen Trend unter Dirigenten und Musikern glauben, so sind die Tage des Fracks gezählt. Seit fast zwei Jahrzehnten nimmt die Zahl der Dirigenten und Solisten (insbesondere auch Violinisten) zu, die das antiquierte Kleidungsstück  gegen ein bequemeres Outfit eintauschen.

Berühmt geworden ist Pierre Boulez’ Ausruf “Schafft den Frack ab!”.

Jonathan Darlington halt diese Aufmachung ebenfalls für “eher anachronistisch und bizarr“:

„Schon als Kind habe ich mich immer gewundert, warum man auf der Bühne so aussehen muss. Spielen die Musiker dadurch besser? Waren sie unterwegs zu einer Kostümparty? Es hiterlässt auf ein Kind einen großen Eindruck und mich wundert es bis heute.“

(Auch die Kinderliteratur scheint einige Mühe zu haben, die junge Hörerschaft an den seltsamen Anblick zu gewöhnen)

Frack-Geschichte ist Freak-Geschichte

Denkt man heute an Frackträger, fällt einem vielleicht zunächst Fred Astaire ein (in “Top Hat”), sowie die alten Meister am Pult wie Strauss, Stokovski or Beecham.

Erfunden hat dieses eigenwillige Kleidungsstück tailcoat aber keingeringerer als der Ur-Dandy  George (Beau) Brummel in den 1830ern. Es entstand als Abwandlung des englischen Jagdrocks, welcher zunehmend zu schrumpfen begann, als man ihn für das Reiten an den Seiten immer weiter zurückschnitt. Was Brummel trug war schick, war neu, wurde immitiert. Schon gegen 1850 hatte sich der Frack als regulärer Abendanzug in der gehobenen Gesellschaft durchgesetzt. Zunächst war er aber nicht unbedingt schwarz. Man denke nur an Goethe’s Werther und dessen berüchtigten blauer Frack zu gelben Beinkleidern!

Vom Dandy-Image zum regulären Abendanzug gewandelt, hat sich der Frack schließlich automatisch auch unter Musikern – die ja abends Konzerte geben – durchgesetzt und spätestens zur Jahrhundertwende wurde der Frack in Orchestern ausschließlich in schwarz getragen.

Der Hauptgrund für seine Beliebtheit unter Musikern war die relative Bewegungsfreiheit, die der Frack im Vergleich zu anderen Anzügen der Zeit bot: Er verrutscht nicht, wenn man die Arme hebt, während bei normalen Anzügen das Hemd an den Seiten sichtbar wird.

Aber weshalb behalten Orchester diesen Kleidungsstil bei, nachdem er seine soziale Funktion längst verloren hat?

JD: Ich kann mir keinen guten Grund vorstellen, außer vielleicht dass schon das Verkleiden in etwas, das man nicht im Alltag trägt, dem Anlass eine ‘spezielle’ Aura verleiht. Die Damen im Orchester tragen zwar auch schwarz aber in einer völlig modernen Variante. Sollten sie denn dann nicht auch etwas ähnlich Anachronistisches tragen?

Kostüm- oder Rollenwechsel?

Viele bekannte Dirigenten haben inzwischen ein abweichendes Outfit zu deren Markenzeichen gemacht (John Eliot Gardener bpsw.). Aber dieser Wechsel führt zu einem Dilemma: Wie verändert man die Garderobe ohne zu lässig zu wirken? Wie behält man die festliche Aura eines Konzertabends bei – bzw. sollte ein Konzert überhaupt ein festlicher Anlass sein? Sollte der Dirigent sich optisch vom Orchester überhaupt abheben? Und wenn ja, warum?

Dieser Kostümwechsel scheint mit einem veränderten Rollenverständnis zu tun zu haben: Dirigenten sind heute nichtmehr die strengen Gestalten von früher, unantastbare Autoritäten mit weißer Fliege. Mit einem veränderten Verständnis von Leitung und Autorität wird auch das Gewand der Autorität in Frage gestellt.

Verändert ein Kostümwechsel das Bild des Dirigenten ?

JD: Die Kleidungswahl gibt uns einen eigenen Stil und sagt etwas darüber aus, wer wir sind und wie wir wahrgenommen werden wollen. Es ist ein Teil der Kommunikation – mit dem Publikum und mit dem Orchester.

Des Maestros neue Kleider

Jonathan Darlingtons eigene “Sinneswandlung”, wie er sagt, geschah aus denselben Gründen aus denen der Frack ursprünglich erfunden worden war: Funktionalität und Stil.

JD: “Hauptsächlich habe ich es gemacht weil ich immer wieder Teile, die zum Frack gehören, vergessen habe, was zu peinlichen Situationen führen kann. Versuchen Sie mal vor einem Orchester zu stehen mit einer Fliege, die nicht gebunden beliben will und ohne Hosenträger und Sie werden sehen, was ich meine!”

Genau wie mit seinen Taktstöcken hält es der Maestro mit seiner Kleidung. Sein neues Outfit wurde für ihn entworfen von Parvin Mirhadin, Kostümbildner an der Vancouver Opera. Es wurde einem Mantel nachempfunden, den Jonathan Darlington auf einer Asienreise gekauft hatte.

JD: „Der Mantel wurde entworfen – eher wie ein Tänzerkostüm – um mir maximale Flexibilität zu ermöglichen ohne (hoffentlich) dabei wie ein Sack auszusehen. Das Design hat vielleicht etwas von Pandit Nehru, wie ein Freund meinte. Eigentlich habe ich nur ein unlogisches Kostüm gegen ein anderes, ebenso unlogisches ausgetauscht – aber wenigstens ist es praktischer und besteht aus weniger Teilen, die ich vergessen kann.“

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