Jonathan Darlington, Conductor
03.
Februar 2011
La Clemenza di Tito – Über Mozart schreiben?

“Ich fand es schon immer unglaublich schwer, über Mozart zu schreiben…”  Lesen Sie in Jonathan Darlingtons Programmnotizen zu “La Clemenza di Tito”, warum das so schwer fällt, und wie die Themen der Oper – Macht, Verantwortung und Selbtekenntnis – in diesem selten aufgeführten Spätwerk musikalisch verbunden sind …

Eine Welt, die einen Mozert hervorgebracht hat, ist es wert, gerettet zu werden. Was für ein Bild von einer besseren Welt hast Du uns gegeben, Mozart! (Franz Schubert)

‘Macht’ – ‘Autorität’, wenn man so will – und die Art, wie wir mit ihr umgehen scheint mir das zu sein, worum es in dieser Oper geht: ‘macht’ in allen ihren Facetten, von sentimental bis sexuell und politisch. Es ist ein Thema, das immer ‘up to date’ war und das Mozart besser verstanden hat als viele andere. Sein Leben und Werk beschäftigen sich ständig damit und es ist zudem eine große Inspirationsquelle für die Handlungen von Opern.

Mozarts Musik ist insgesamt sehr ‘opernartig’. Mir fällt kein einziges Stück ein, das nicht im Kern dramatisch motiviert ist. Natürlich ist das, was sich im Laufe seines kurzen aber bewegten Lebens ändert vor allem die Art und Weise, wie er uns in die Opernwelt hinein zieht. ‘La Clemenza di Tito’ und ‘Die Zauberflöte’ entstanden beide im Todesjahr Mozarts, und beide haben eine starke, direkte Art, Wahrheiten über die Natur des Menschen zu vermitteln.

Ohne umfassende musikalische Beispiele und Analysen ist es schwer zu zeigen, aber glauben sie mir, dass Mozart mir diesen späten Werken seine Musik auf bis auf die Knochen reduziert. Übrig bleibt eine Art Röntgenbild eines Skeletts, in dem er uns ebenso sehr zeigt, was wir über uns selbst wissen und nicht wissen.

Ein großer Freund Mozarts war Anton Stadler, der Klarinettenvirtuose. Die Klarinette war ein erst kürzlich so weit entwickeltes Instrument geworden, dass es seinen Platz im Orchester einnehmen konnte, und erstaunte sicherlich immer noch das zeitgenössische Publikum mit seinen neuen Klang.  Die Möglichkeiten, neue Ausdrucksformen zu auszuschöpfen, waren enorm, und Stadlers Spiel war den Berichten zufolge phänomenal. Es war Mozarts bevorzugtes Instrument weil glaubte, es reichte am nächten an die menschliche Stimme heran, und das ist der Grund (neben seiner Bewunderung für Stadler, der die ersten Aufführungen spielte) weshalb er zwei Arien für ‘La Clemenza di Tito’  für Stimme und virtuose Klarinette schrieb. Musikalisch gesehen ist es wie ein Duett mit sich selbst, ein Dialog mit der eigenen Seele so zu sagen.

Ich fand es schon immer unglaublich schwer, über Mozart zu schreiben. Wie kann man Perfektion beschreiben? Ich persönlich muss dem Humoristen Victor Borge zustimmen: “In meinen Träumen vom Himmel sehe ich immer die großen Meister beisammen in einem großen Saal, in dem sie alle residieren. Nur Mozart hat seine eigene Suite. ”  Und noch mehr muss ich Rossini zustimmen, einem, der einen Schimmer von Perfektion erhaschen konnte, und wusste wovon er sprach:  “Beethoven nehme ich zwei mal wöchentlich zu mir, Haydn vier mal und Mozart täglich!”

Als Musiker vergessen wir manchmal, wie privilegiert wir sind, jeden Tag mit Meisterwerken arbeiten zu können. Obwohl ‘La Clemenza di Tito’ nicht Mozarts bekannteste Oper ist, ist es ein Werk von großartigem  Genie und ich kann nur sagen, dass ich mich reich beschenkt fühle, das Werk unter dem Mikroskop studieren zu dürfen.

Ich kann Schubert nur zustimmen, “Was für ein Bild von einer besseren Welt hast Du uns gegeben, Mozart!”, und allen ein frohes Neues Jahr wünschen!

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