Jonathan Darlington, Conductor
04.
Dezember 2010
Lucia di Lammermoor – “extreme Emotionen” und “exquisite Schönheit”


Illustration by Leonard Dente

Am 4. Dezember, heben sich an der Vancouver Opera die Vorhänge für die Premiere von  “Lucia di Lammermoor”.  Donizettis Meisterwerk ist eine der meistgespielten Belcanto-Opern bei der einem sofort viele eingängige Melodien einfallen, wie z.B. der wunderschöne Dialog zwischen Sopran und Flöte in der sogenannten “Wahnsinnsszene”. Und diese Produktion hat alles, was sich ein Dirigent wünschen kann:  ”wundervolle Musik kombiniert mit einer hervorragenden Besetzung.”

Lesen Sie die Programmnotizen von Musikdirektor Jonathan Darlington …

‘Magische Musik bleibt für immer im Gedächtnis’ (mit Dank an Sir Thomas Beecham für dieses Zitat). Das könnte auch der Untertitel für “Lucia di Lammermoor” sein …

Die Oper entstand innerhalb von nur sechs Wochen – weniger sogar als Mozart für “Le Nozze di Figaros Hochzeit” gebraucht hat oder  Bach für sein “Musikalisches Opfer”!  Bellini war gerade im Premierenmonat von “Lucia” (im September) in Verzweiflung und Einsamkeit gestorben und Rossini war gerade in Rente gegangen – um sich dem Kochen zu widmen! Donizetti war nunmehr der unangefochtene König der Oper in Italien und “Lucia”  wurde nach einer unglaublich erfolgreichen Premiere – was nicht immer der Fall ist – schnell zu einer der beliebtesten Opern des 19. Jahrhunderts überhaupt. Die “Wahnsinnsszene” wurde seither von jeder Primadonna gesungen, die etwas auf sich hält, und etliche Komponisten haben Bearbeitungen für alle möglichen Instrumenten-Kombinationen komponiert:  Franz Liszts Klavierbearbeitung ist sicher die bekannteste. Der Erfolg der Oper ging zu Anfang des 20. Jahrhunderts leicht zurück und wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg wiederbelebt, dank der vokalen Pyrotechnik von Callas, Sutherland & Co.

Ich denke, es geht bei dem Stück weniger nur um stimmliche Virtuosität. Das Gesangsfeuerwerk spielt eine tragende Rolle in der Tragik des Themas. Extreme Emotionen bedürfen extremer Ausdrucksweisen. Das gesangliche Können erschlägt einen bei “Lucia”, eben weil es in eine Struktur gesetzt wird – die üblichen Arien, Ensembles, Rezitative usw. – eine Struktur, die durch und durch konventionell ist, und als solche die gesellschaftliche Konventionsfalle widerspiegelt, in der sich Lucia und Edgardo befinden. Das Pathos, das Hector Berlioz, sonst nicht gerade ein Fan von Donizetti, im Finale des zweiten Akts bewunderte, sowie der Tod des Edgardo ziehen ihre dramatische Kraft vor allem aus dieser strukturellen Zuspitzung. Es ist ein sine qua non für einen großen dramatischen Komponisten. Im Übrigen ist es daher auch kein Zufall, dass andere große Künstler diese Oper zitierten, um zu beleuchten, wie menschliche Beziehungen von gesellschaftlichen Konventionen zerstört werden können (ich denke da besonders an Emma in Madame Bovary und Anna in Anna Karenina.)



Auf einer rein persönlichen Note habe ich zudem ein etwas morbides Interesse an Donizetti. Ich wohne zufälligerweise in einem Stadtteil von Paris, unweit von der Straße wo Donizetti traurigerweise in einer psychiatrischen Anstalt gestorben war.  Irgendetwas war offenbar nicht in Ordnung, als er sich über ein seltsames Gefühl beschwerte, wie er sagte, wie “ein Blitz im Gehirn”. Das geschah 1843, aber die geheimgehaltene Krankheit war schon 1835, als er “Lucia” komponierte, sehr evident. Edgardos Arie am Schluss der Oper, kurz bevor er sich umbringt, wurde geschrieben während “der Maestro … von einem lähmenden Kopfschmerz befallen war.” Die gesamte Arie entstand unter extremen Qualen. In diesem Lichte betrachtet gewinnt Lucias “Wahnsinnsarie”  eine andere Bedeutung. Ich denke, es gibt fast nichts Tragischeres als folgenden Bericht über Donizettis geistigen Zustand im Jahr 1847 kurz vor seinem Tod – außer dem Tode unglücklicher Liebender natürlich!

1. Befragung nach dem Üblichen - Keine Antwort
2. Erneute Befragung - Nichts
3. Befragungen durch den Neffen Donizettis, Andrea Donizetti, und seinen Bruder, Franceso Donizetti, und durch medizinische Experten, die seine Hand griffen und ihn am Kopf berührten - Öffnet die Augen und fixiert einige der anwesenden Personen, schließt sie wieder ohne Antwort und ohne ein Zeichen, die an ihn gerichteten Fragen verstanden zu haben




Obwohl dies ebenso wie die Geschichte von Lucia überaus tragisch ist, enthält diese Oper Musik von so exquisiter Schönheit, dass sie uns unsere Sorgen vergessen lässt und uns freudig summend in die Nacht entlässt. Das wird dieser Oper auch noch für Generationen gelingen.”

Jonathan Darlington


Für weitere Informationen über die Produktion, besuchen Sie den offiziellen Blog Vancouver Opera, für Tickets, klicken Sie hier.

Die Vancouver Sun gibt einen exklusiven Einblick in die Produktion. Lesen Sie mehr über die Arbeit des Maestro mit den Sängern, sowie über die Sopranistin Eglise Gutierrez und ihre Interpretation der Rolle.


Vancouver Opera

Donizetti: Lucia di Lammermoor

4., 7., 9., 11. Dezember 2010
Alle Vorstellungen beginnen um 19:30
Queen Elizabeth Theatre


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