Jonathan Darlington, Conductor
15.
Oktober 2010
Einige Takte über Taktstöcke

Was ist das Instrument eines Dirigenten? Das Orchester, oder die Partitur – der Geist? Doch nicht etwa ein Stock?

Nicht erst seit Disneys “Fantasia” werden Dirigenten mit Magiern verglichen und Taktstöcke mit Zauberstäben. Haben Sie sich nicht schon mal gefragt, wo Dirigenten eigentlich ihre Taktstöcke her bekommen? Man möchte sich ausmalen, es gäbe so etwas Olivanders Fachgeschäft für Zauberstäbe aus Harry Potter, nur eben für Taktstöcke.  Zum Ausprobieren vielleicht ein wenig imaginäres Dirigieren? 

Was macht einen guten Taktstock aus?



Taktstöcke wurden früher meist aus Elfenbein gefertigt, heute bestehen sie jedoch aus Holz, Glasfasern oder Karbonfasern und einem Griff aus Kork oder Holz. Die meisten Dirigenten kaufen ihre Taktstöcke in Fachgeschäften  - wenn auch weniger magischen als Olivanders. JD bezieht seine nach Wunsch handgefertigten Taktstöcke von Craig Tomlinson, einem herausragenden kanadischen Cembalomacher. Nur wenige Leute wissen, dass er nebenher auch feine Taktstöcke fertigt. Allerdings leider ohne Phönixfedern!

JD: “Ich bevorzuge einen gut ausbalancierten Taktstock. Der Schwerpunkt sollte nah am Griff sein. Momentan benutze ich meistens einen mit einem Griff aus Ebenholz. Ich mag seltene Hölzer und der Stock sollte ein gewisses Gewicht haben, deshalb verwende ich keinen mit Korkgriff. Ich hatte früher manchmal Schulterprobleme, wenn ich leichte Taktstöcke verwendet habe.  Ich schätze, dass schwerere Taktstöcke mich dazu bringen, etwas bewusster auf meine Haltung und Bewegungen zu achten.”





Ein Stück Stockgeschichte



Die Geschichte des Taktstocks ist eine Geschichte des Schrumpfens. Im 17. Jahrhundert schlugen Dirigenten noch den Takt mit einem großen, schweren Stab auf den Boden. Diese Technik wurde Jean-Baptiste Lully, dem Hofkomponisten Ludwigs XIV, zum Verhängnis, als er sich versehentlich mit dem Stab den eigenen Zeh zertrümmerte und anschließend durch eine Blutvergiftung starb.



Weniger gefährliche, kleine Taktstöcke wurden zwar bereits um 1594 verwendet (von Nonnen des Klosters in San Vito lo Capo in Italien), aber sie gehörten erst ab dem 19. Jahrhundert zur Standardausstattung von Dirigenten. Mit der Größe der Orchester wuchs auch der Abstand zwischen Dirigent und Musikern – und damit die Notwendigkeit, sich mit dem Stab als Armverlängerung  sichtbarer zu machen. Carl Maria von Weber und Felix Mendelssohn Bartholdy gehörten zu den ersten, die regelmäßig mit einem kleinen Taktstock dirigierten.

Richard Wagner besaß den Quellen zufolge einen schweren, reich verzierten Elfenbeinstab. Einige der großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts jedoch zogen es vor, ohne Taktstock zu dirigieren – Pierre Boulez  und Kurt Mazur sind berühmte Beispiele.


In diesem Sommer war die bisher weltgrößte Taktstockausstellung in Stralsund zu sehen, einschließlich einiger antiker, reich verzierter Stücke aus Silber, Mahagonny und Elfenbein, die berümten Dirigenten gehört haben.


JDs Taktstocktasche

Mit oder ohne Taktstock?


In letzter Zeit war Jonathan Darlington öfter, wie auch beim 4th Philharmonischen Konzert in der vergangenen Saison, ohne Taktstock auf dem Podium zu sehen.

JD: “Was die Frage, ob mit oder ohne Taktstock, betrifft: Ich würde sagen, dass zeitgenössische Musik besser mit einem Taktstock funktioniert,  aber romantische Stücke  dirigiere ich lieber ohne Taktstock.”



Aberglaube und kollaborative Magie


Haben Sie einen besonderen, einen Glücksbringer-Taktstock? Einen für die wichtigen Premieren?

JD: “Nein, ich bin da nicht abergläubisch. Wenn ich einen zerbreche, kaufe ich einfach einen neuen. Damit etwas Magisches passiert ist etwas anderes nötig, es braucht die Anstrengung von allen Beteiligten, vom Orchester, dem Dirigenten und dem Publikum. Und letzteres ist sicherlich der wichtigste Teil davon.”


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